#roadtodmexco @Austin:
Die South by Southwest (SXSW) auf dem Prüfstand

Viele Vorschuss-Lorbeeren hat die SXSW bislang bekommen. Umso gespannter waren wir, ob sie diese wirklich verdient hat – und haben auf unserer #roadtodmexco einen Zwischenstopp in Austin (Texas) gemacht. Unsere Gespräche mit der Community deuteten an, dass dort etwas ganz Besonderes sein musste, mit einer ganz besonderen Atmosphäre… Diesen Spirit wollten wir unbedingt selbst einmal erleben.

Als echte Digitalos interessierte uns besonders der interaktive Teil der Veranstaltung. Musik und Film mögen wir sehr, können aber fachlich nichts dazu beitragen. Dennoch:… „zu Gast (sein) im wilden Tech-Eldorado von Austin“, wie eine Zeitschrift schreibt, das wollten wir ausprobieren.

Mit unserem Besuch in Austin verfolgten wir in erster Linie folgende Ziele:

· Überblick über die Veranstaltung gewinnen
· den besonderen Spirit „erschnuppern“
· einen Überblick über die Startup-Szene erhalten
· Meetings: Top Unternehmen treffen / Akquise für die dmexco und Bestandskundenpflege
· die deutsche Beteiligung unterstützen und verstehen

Um es vorweg zu nehmen: Nicht alles gelang und so manches hinterließ einige Fragezeichen bei uns.

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Maroder Charme trägt zum Spirit bei
Austin selbst ist eine, für amerikanische Verhältnisse, kleine Stadt. Einen Überblick kann man sich schnell verschaffen, viel zu bieten hat sie nicht. Ein paar Straßen mit einer großen Barszene, ansonsten architektonisch eher in den 90er Jahren „steckengeblieben“, fristet sie ihr Dasein zwischen (aus)gelebtem Liberalismus, Hippie-Kultur und dem Glauben an den amerikanischen Traum, der uns allerdings sehr stark an den „Tod eines Handlungsreisenden“ erinnerte. Alles ist hier doch eher trist! Zumindest bisher! Verschweigen sollte man aber nicht, dass Austin die Steuern für Unternehmen extrem gesenkt hat und damit natürlich neue Unternehmen anzieht, die nun Bürokomplexe bauen. An vielen Stellen beginnt man nun die „Tristesse“ zu beseitigen und bebaut brachliegende Grundstücke. Oft findet man jedoch noch heute abbruchreife Häuser, ähnlich in den 90er Jahren im Osten Deutschlands. Man kann nur hoffen, dass Austin es schafft, sich zu modernisieren. Dann werden in dieser Stadt auf Dauer ein paar mehr Leute glücklich werden. Und noch eine kleine Anmerkung am Rande: Was der Formel-1-Zirkus in einer solchen Stadt erreichen möchte, hat sich für uns nicht erschlossen. Unserem Eindruck nach fehlt es hier schon an der Kaufkraft für die Tickets.

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Unabhängig von dieser Schilderung kann die gesamte Atmosphäre jedoch zu einem besonderen Spirit beitragen und den Eindruck erwecken, als wäre alles unfertig, unangepasst, im Aufbau, aufstrebend, visionär usw. Wir glauben, dass diese Attribute sehr stark von der Basis der SXSW, den Startups, aber auch der kreativen Szene gefühlt werden und damit, trotz der eher realen nüchternen Betrachtung der Stadt selbst, das Festival zu einem Hort des Zusammentreffens machen. Die Schwierigkeit, die SXSW toll zu finden, besteht vermutlich darin, dass man sich genau darauf einlassen muss. Zugegeben, das fällt uns ein wenig schwer, haben wir doch mit der dmexco den kompletten Gegenentwurf geschaffen: Clean, stylish, geschäftsorientiert!

„Wenig, was man mitnehmen kann“
Im Laufe der SXSW haben wir uns immer wieder gefragt was wohl das Gros unserer Besucher sagen würde, wenn sie wie hier kreuz und quer durch die Stadt laufen, Rikscha, Uber, Taxi, etc. fahren müssten, um von einem Hotel in das andere, von einem Veranstaltungsort zum nächsten zu kommen. Wir behaupten: In Deutschland wäre das unmöglich! Sämtliche Besucher würden uns dafür zum Teufel jagen – und zwar zu Recht! Denn die dmexco ist durch und durch clean, stylish und geschäftsorientiert. Wir sind getrieben von der deutschen Effizienz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind: die weltweit führende Veranstaltung für die digitale Ökonomie. Ohne Wenn und Aber!

Aber kommen wir zurück zur SXSW. Das Programm war überwältigend. Man wusste gar nicht so recht, wo man zuerst hingehen soll. Wir entschieden uns u. a. für ein paar der momentan üblichen Verdächtigen, wie Eric Schmidt von Google, der leider nichts Neues verlauten ließ und den Lyft CEO Logan Green, der sich sichtlich schwer in der Abgrenzung zu Uber tat. Wahrscheinlich, weil es kaum eine Unterscheidung im eigentlichen Service gibt. Tolle Namen, aber leider nichts „was man mitnehmen kann“.

Die Startup-Szene haben wir im Deutschen Haus und bei den Veranstaltungen der deutschen Community erlebt. Seltsamerweise wurde vorher angekündigt, dass dort alle auf „Speed“ wären. Wahrscheinlich ein Übersetzungsfehler! Das Ganze kam uns eher grotesk vor, insbesondere weil vier bis fünf deutsche Startups auf der Bühne versuchten, ihre Themen ca. 50 deutschen Besuchern und lediglich drei englischsprachigen Zuhörern in einstudierten englischen Sätzen nahezubringen. Der Höhepunkt war zweifellos erreicht, als niemand BAFÖG ins Englische übersetzen konnte. Am Ende war zumindest den drei Amerikanern klar, dass es sich wohl um eine Art Startup-Finanzierung des deutschen Staates handeln muss – oder so ähnlich …

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Parallele Ökosysteme rund um die Veranstaltung
Folgen wir dem Pfad des Geldes: Die amerikanischen Startups sind alle mit wesentlich mehr Geld ausgestattet und entsprechend professionalisiert. Die Gründer sind daher weniger an Kicker-Tischen und bei Biergelagen anzutreffen, sondern eher bei Partys und Treffen, bei denen sich die wichtigen Investoren zeigen. Die jungen Wilden sind Meister des Networkings und erinnerten uns an die Goldgräber der ersten Stunde, unermüdlich auf der Suche nach dem großen Schatz. Wir trafen einige von ihnen und waren erstaunt, wie vielen Einladungen sie nachgingen. Auch das ist sicher ein eher verdecktes Geheimnis des Erfolges der SXSW: Investoren, Unternehmer, Startups haben in der Stadt ihr eigenes Ökosystem rund um die Veranstaltung etabliert. Das eigentliche Geschäft, so stellten wir fest, findet hauptsächlich dort statt.

Wie wäre es sonst zu erklären, dass die Expo fast ausschließlich Gemeinschaftsstände beherbergte, auf denen von Drohnen bis selbstgestrickten iPhone-Haltern alles wie auf einem Bazar angeboten wurde. Dieser Teil war absolut zu vernachlässigen.

Das Programm der SXSW ist imposant, wenn man darunter Breite, Vielfalt und Menge versteht. Die (zumindest von uns ausgewählten) Programmpunkte enttäuschten jedoch. So gab es darunter z. B. eine Session zu Wearables und Fashion, die ohne eine einzige (!) Erwähnung von Wearables auskommen musste. Dazu begegneten uns drei kurzfristig abgesagte Sessions, für die wir uns blitzschnell Alternativen überlegen mussten, die allerdings aufgrund der entfernt liegenden Veranstaltungs-Locations nicht rechtzeitig zu erreichen waren. Wir ließen uns daher treiben und schnappten an der einen oder anderen Stelle doch ein paar interessante Dinge auf. Insgesamt hatten wir aber nach jedem Tag stark das Gefühl, mit leeren Händen nach Hause zu kommen.

Agenturen und Berater touren durch Hotels
Schließlich erinnerten wir uns an unser Erfolgsrezept, immer vorab zu planen. So funktionierten zum Glück alle unsere Meetings mit Potenzialunternehmen, auch wenn wir mehrmals die Termine schieben mussten und manche im Stehen in einer Ecke eines Konferenzbereichs stattfanden. Langsam gewöhnten wir uns an das Treibenlassen, allerdings notgedrungen.

Unsere Bestandskunden konnten wir ebenfalls treffen. Alle bestätigten unsere Eindrücke der Veranstaltung, teilten uns aber gleichzeitig mit, dass das parallele Ökosystem sehr gut funktioniert. Agenturen und Berater begleiten ihre Kunden auf kuratierten Touren durch Hotels und Meetingräume, alles abseits der offiziellen SXSW-Veranstaltung.

Was wirklich klasse war: das „German Haus“ – eine Oase der Entspannung, sehr leckeres deutsches Essen, guter Service, gute heimatliche Drinks und etwas abseits von der Hektik der umtriebigen Besucher. Auch mit einem ordentlichen Programm, das deutlich mehr internationale Besucher verdient hätte.

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Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei Dr. Martina Richter und ihrem Team, die die NRW-Delegation angeführt hat und uns einen guten ersten Überblick und wertvolle Hilfestellungen geben konnte.

Spirituelle Erlebnisse blieben aus

Unser Fazit: Die SXSW ist aus der Hippie- und Musikbewegung entstanden und lässt das Unfertige, Unangepasste in der Veranstaltung weiterleben. Die Stadt Austin, eine Art linkes Bollwerk im rechts orientierten Texas, passt zu der Stimmung des freien, kreativen und visionären Denkens, das die SXSW sicher gewollt verströmt. Die Veranstalter sollen Alt-Hippies sein, so wurde es uns zumindest verschiedentlich überliefert. Alle Ökosysteme, die SXSW und ihre „Trittbrettfahrer“, ergeben zusammen eine interessante Welt für vielfältig Interessierte. Wer planen und effizient arbeiten möchte, der muss sich allerdings kuratiert führen lassen. Im ersten Jahr ist es sonst fast unmöglich, erfolgreich zu arbeiten.

Insgesamt fehlte unserem Besuch das erhoffte spirituelle Erlebnis. Wir vermuten stark, dass wir zu sehr an der Oberfläche „geschwommen“ sind. Die für uns relevanten Personen und Unternehmen, wohl gemerkt aus dem Interactive Bereich, können wir besser bei der CES, beim IAB Annual Leaderhip Meeting und bei gut geplanten Besuchen in San Francisco oder New York erreichen. Daher werden wir in diesem Jahr wohl das letzte Mal in Austin gewesen sein.